Uns geht es zu gut! Überall wird verschwendet: Nahrungsmittel haben wir mehr als genug. Ohne groß nachzudenken wird viel zu viel weggeworfen. Unsere Wohlstandsgesellschaft erstickt an Plastikmüll, in den nicht nur unsere Nahrungsmittel, sondern auch unsere Luxusartikel verpackt sind. Überbordende Auslagen und kein Ende. Wir beuten durch Rohstoffentnahme unseren Planeten aus und verschieben unseren Wohlstandsmüll in das Ausland. Auch Ressourcen, die auf den ersten Blick nicht der Wirtschaftsentwicklung dienen, werden mit den Füßen getreten.

So ist es auch mit dem Leistungswillen in unserem wundervollen Beruf. Für viele von uns stellt der Heilpraktiker eine Zweitausbildung dar, dessen Weg oftmals die eigene Lebensgeschichte beschreiten ließ. Mehr Berufung als Beruf. Hier geht es nicht um Stunden abzuleisten, sondern den Patienten einen ganz anderen und hilfreichen Weg aufzuzeigen. Weg von der Anonymität der klassischen Medizin von der Stange. Den Patienten dort abholen wo er Unterstützung braucht und wo er gerade in seiner Ratlosigkeit oder Alternativsuche steht. Selbst wenn wir lediglich durch ergänzende Maßnahmen Linderung verschaffen, können diese wunderbare Dienste leisten und dem mit seiner Erkrankung oft so verunsicherten Patienten Halt geben.

Unsere Aus- und Fortbildung lasse ich nicht kleinreden. Wir alle haben, bis wir die Praxiszulassung erhalten viel geleistet! Neben einem hohen Zeitaufwand durch Lernarbeit haben wir viele tausend Euro aus Privatmitteln für diese Ausbildung in die Hand genommen. Wir haben im Gegensatz zu anderen Prüfungen, ein länderübergreifendes, solides Prüfungsverfahren. Steht je nach Vorkenntnissen nach 3 bis 6 Semestern die im Heilpraktikergesetz vorgeschriebene Zulassungs-Überprüfung vor dem Gesundheitsamt an, stehen wir vor einer großen Herausforderung. Werden wir die erste Hürde des theoretischen Verfahrens bestehen? Die 60 Multiple-Choice-Fragen rund um das gesamte Lernfeld sind sehr anspruchsvoll. Ist das geschafft, so steht ein praktischer Teil an. Hier kann uns unter den kritischen Augen des Amtsarztes des zuständigen Gesundheitsamtes alles begegnen. Von Spritzengebung bis zu neurologischen Tests, von Gesetzestextabfrage bis zu differentialdiagnostischen Verständnisfragen. Von einzelnen Knochenbezeichnungen bis zu schulmedizinischen Diagnose- und Therapieverfahren. Die Durchfallquote ist sehr hoch. Das Spiegel Manager Magazin beruft sich auf Zahlen des Fachverbands Deutscher Heilpraktiker (2013) das untermauert, dass lediglich 30 Prozent der Kandidaten sowohl schriftliche als auch die mündliche Prüfung bestehen.[1]Zu dem selben Ergebnis kam auch die aktuelle Erhebung des Berufsverbandes Freie Heilpraktiker e.V. durch eine repräsentative Befragung in ausgesuchten Gesundheitsämtern.

Manche Kolleginnen und Kollegen haben während der Ausbildung begleitend schon Therapieverfahren erlernt. Andere starten nun erst mit weiteren, anspruchsvollen Fortbildungen. Ein anderer Weg und eine andere Sichtweise zeichnet unseren Fortbildungsweg aus. Hier geht es um Entgiften, um den Organismus zu entlasten, Stoffwechselendprodukte auszuleiten, das Immunsystem zu modellieren, Schmerzen mit und ohne Naturarzneien mit Akupunktur oder Neuraltherapie zu lindern, das Skelettsystem wieder regelgerecht in Ordnung zu bringen und vieles mehr. Jeder Behandler wählt seine Fortbildungen nach seinem Schwerpunkt und seinem Patientenkreis.

In meinem Umfeld haben sich letztendlich sehr wenige Absolventen selbstständig gemacht oder schlossen innerhalb von zwei Jahren Ihre Praxis wieder. Und das nicht wegen Unfähigkeit oder Fahrlässigkeit! Wir müssen uns unseren Erfolg im wahrsten Sinn der Worte hart erarbeiten. Die anfangs raren Patienten wollen überzeugt werden, derweil wir auf Empfehlungen hoffen. Eine finanzielle Durststrecke von mehreren Jahren liegt vor uns. Über den Praxiserfolg entscheidet letztendlich die Patientenfrequenz. Unsere Lobby ist leider viel schlechter als unser Können. Stellenausschreibungen für Heilpraktiker sind rar gesät. Ungenutztes Potential von (ehemaligen) Heilpraktikerkolleginnen und -kollegen verdunstet so wie Regenwasser auf heißem Wüstensand.

War es immer schon nicht einfach sich zu etablieren, so picken die Medien in den letzten Jahren einzelne Kollegen heraus oder stellen Einzelfälle mit verdrehten Tatsachen dar. „Rufmord!“ würde ich am liebsten laut schreien. „Ihr Meinungsmacher lasst Euch gesagt sein: Auf den Kontext kommt es an und wenn dann doch der eine oder andere keine weiße Weste hat – schwarze Schafe gibt es in jeder Branche! Schlecht oder gar nicht recherchierte Berichte beschmutzen ungerechtfertigterweise unsere wertvolle Arbeit. Unser jährlicher Berufshaftplichtversicherungsbeitrag ist im niedrigen dreistelligen Bereich. Keine Versicherung lebt vom drauflegen. Ergo: kann es keine großen Schadensaufwendungen von Versicherungsseite geben, wie die Medien der Gesellschaft vermitteln wollen!“

Verlassene Landarztpraxen, überlastete Ärzte, Psychologen und Pflegepersonal. Statt uns als wertige Ergänzung zu sehen und eine wertvolle Symbiose zwischen den überlasteten Berufsgruppen zu schaffen, werden wir ignoriert und brachliegende Ressourcen gehen auch hier verloren.

Patienten wenden sich nicht zuletzt an uns weil wir nicht getaktet sind, zuhören, mit Ihnen abwägen, sie ein Stück des Weges begleiten und ganzheitliche Methoden anwenden. Wir sehen eben nicht nur das eine Symptom oder die Diagnose, die er mitbringt. Sondern versuchen, den Menschen mit seinen Befindlichkeitsstörungen ernst zu nehmen, die Ursache zu erforschen und günstig zu beeinflussen. Gleichgültig welcher regulativen Methode wir uns bedienen.

Viele von uns würden gerne mehr Zeit, in diese erfüllende Arbeit zugunsten unterversorgter Patienten investieren. Nicht jede/r ist für die Selbstständigkeit gemacht. Definitionen im Aufgabengebiet eines angestellten Heilpraktikers könnten den Personalmangel pflegerisch-medizinischen und sozialen Bereich an allen Ecken und Enden wertvoll ergänzen und ausgleichen.

Statt uns anzuerkennen und zu integrieren, treffen unsere Patienten oft auf harsche Zurückweisung von Seite der Schulmediziner, wenn Sie den unterstützenden Heilpraktiker erwähnen. Das facht das Feuer gegen unsere Berufsgruppe in der Gesellschaft weiter an. Eine Berufsgruppe, die meist aus einer Berufung heraus mit Herz bei der Arbeit ist soll ausgelöscht oder bis zur Unkenntlichkeit beschnitten werden.

In unserer durchspezialisierten symptombehandelnden Gesellschaft sind ganzheitlichen Behandlungsmethoden zum exotischen Ansatz geworden. Hier finden sie nur vereinzelt Ihren Platz als privat in Rechnung gestellte IGEL-Leistungen in Arztpraxen. Zusammenhängendes Denken und Handeln, dass Körper, Geist und Seele zusammengehören, kommt in der kalten Gerätemedizin oft zu kurz oder viel zu spät beim Patienten an.

Während wir Deutsche immer individueller leben wollen, sollen die Behandlungsmöglichkeiten von oben herunter auf immer weniger anwendbare vorgegebene, standardisierte Verfahren beschnitten werden. Während wir uns des politischen Wahlrechts brüsten, soll die freie Therapiewahl in einer demokratischen Gesellschaft weiter uniformiert werden. Und das mit allen Mitteln.

Helfen Sie mit, dass unser Berufsstand die Anerkennung findet, die er verdient. Und vor allem, dass Sie als PatientIn weiterhin auf diese erweiterte Therapiewahl zurückgreifen können! Wenden Sie sich per Brief oder Mail an das Bundesgesundheitsministerium, die Länderministerien oder Ihren Wahlkreisabgeordneten. Der Berufsverband „Freie Heilpraktiker e.V.“  hat hierzu einen Mustertext entwickelt, den Sie gerne verwenden dürfen: Patienten_Musterbrief_Erhalt_des_Heilpraktikerberufes

[1] (Spiegel Managermagazin, 2013) https://www.spiegel.de/karriere/deutschlands-schwierigste-abschlusspruefungen-a-885409.html

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Autorin:
Sabine Weller
Heilpraktikerin
74199 Untergruppenbach
www.praxis-weller.de